Nachgefragt: Prof. Dr. Reinhard Fischer im Interview

Reinhard Fischer

Prof. Dr. Reinhard Fischer hat Mikrobiologie studiert und auch darin promoviert. Nach Aufenthalten an der Universität Marburg und der University of Georgia ist er seit 2004 Professor für Mikrobiologie am Institut für Angewandte Biowissenschaften am KIT

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet. 
„Zell- und Molekularbiologie von filamentösen Pilzen, Funktion des Zytoskeletts in Aspergillus nidulans, phytochromabhängige Lichtwahrnehmung und Signaltransduktion, Sekundärstoffwechsel in Alternaria alternata, Interaktion des Pilzes Duddingtonia flagrans mit dem Nematoden Caenorhabditis elegans

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Filamentöse Pilze sind faszinierende Mikroorganismen, die für die Stoffkreisläufe im Boden unerlässlich sind, die mit vielen Pflanzen in Symbiose leben, die Pflanzen und Tiere als Pathogene befallen können, die Produzenten von interessanten pharmakologischen Substanzen sind, die in der Lebensmittelindustrie vielfältig eingesetzt werden, und schließlich die hervorragend geeignet sind, um grundlegende biologische Prozesse zu untersuchen. Ich habe auf dem Gebiet der Archaeen promoviert und während meiner Postdoczeit in USA den Grundstein für meine Arbeit mit Pilzen gelegt. Ich habe schon immer gerne fotografiert und bin ein „optischer“ Mensch. Pilze haben mir erlaubt Molekularbiologie mit zell- und entwicklungsbiologischen Fragestellungen zu kombinieren, in denen die Bildgebung auch eine wesentliche Rolle spielt.“

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?
„Auf dem Gebiet der Lichtregulation haben wir entdeckt, dass Licht über Phytochrom wahrgenommen und dann der HOG Signalweg zur Signaltransduktion verwendet wird. Diese Arbeit fand ich besonders schön, weil wir den Zusammenhang durch ungerichtete Mutagenese, gefolgt von der Genomsequenzierung einer Mutante, erzielt haben. Mutageneseansätze waren für lange Zeit nicht mehr „in Mode“, haben aber durch die Möglichkeit der Komplettgenomsequenzierung eine Renaissance erfahren.
Auf dem Gebiet der Pilz-Nematoden-Interaktion ist für mich die Beschreibung eines kleinen sekretierten Proteins als Virulenzfaktor ein highlight. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass neben lytischen Enzymen solche kleinen Proteine vermutlich zu mehreren Zeitpunkten der Infektion wichtig sind.“

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

Untersuchung der phytochromabhängigen Lichtwahrnehmung im Modellorganismus Aspergillus nidulans und Analyse der Zellbiologie des polaren Wachstums:

  • Yu Z, Armant O, Fischer R (2016) Fungi use the SakA (HogA) pathway for phytochrome-dependent light signaling. Nat Microbiol 1: 16019
  • Streng C, Hartmann J, Leister K, Krauß N, Lamparter T, Frankenberg-Dinkel N, Weth F, Bastmeyer M, Yu Z, Fischer R (2021) Fungal phytochrome chromophore biosynthesis at mitochondria. EMBO J 40: e108083 
  • Gao X, Herrero S, Wernet V, Erhardt S, Valerius O, Braus GH, Fischer R (2021) The role of Aspergillus nidulans polo-like kinase PlkA in microtubule-organizing center control. J Cell Sci 134: jcs256537

Etablierung eines neuen Forschungsfeldes - die Interaktion von Pilzen mit Nematoden – durch Anwendung der langjährigen Erfahrung mit Modellpilzen:

  • Wernet N, Wernet V, Fischer R (2021) The small-secreted cysteine-rich protein CyrA is a virulence factor of Duddingtonia flagrans during the Caenorhabditis elegans attack. PLoS Pathog 17: e1010028
  • Yu X, Hu X, Mirza M, Wernet N, Kirschhöfer F, Brenner-Weiss G, Keller J, Bunzel M, Fischer R (2021) Fatal attraction of Caenorhabditis elegans to predatory fungi through 6-methyl-salicylic acid. Nat Commun 12: 5462

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Ich jogge öfters, was für mich eine hervorragende Möglichkeit ist, Ideen hin- und her zu wälzen oder Entscheidungen zu treffen. Ich habe mit 50 Jahren begonnen Klavier zu spielen. Das bringt mich an die Grenzen meiner Fähigkeiten, so dass ich dort alle Konzentration benötige und an nichts anderes denken kann. Das tut gut.“

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Viele Ideen und Lösungsansätze entstehen in Diskussion mit Mitarbeiter:innen, entweder im kleinen Kreise oder während eines Mitarbeiterseminars. Spannende Vorträge auf Tagungen waren auch schon oft Ideengeber. Ebenso wichtig sind für mich auch langweilige Vorträge auf Tagungen, weil ich dabei über die eigene Forschung sinniere. Manchmal habe ich aber auch Ideen in der Sauna, im Auto oder beim Kochen.“

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler/innen mit auf den Weg geben?
„Wenn man jung ist, läßt man sich von vielen Sachen begeistern. Man muss versuchen, diese Begeisterung aufrecht zu erhalten, sie immer wieder neu zu befeuern und sich die gute Laune und den Spaß an der Wissenschaft nicht verderben lassen. Dazu gehört auch die eigene Einstellung oder Perspektive, ob man das „Glas halb leer oder halb voll“ sieht. Das gilt zwar auch im privaten Bereich, aber eben auch für wissenschaftliche Karrieren, die selten geradlinig und einfach verlaufen. Eine weitere wichtige Einstellung ist „Persistence“, d.h. sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Ein indischer Kollege hat mir als junger Wissenschaftler einmal geraten „Face the problems as they come“. Den Spruch habe ich schon oft zitiert.“

 

Den Artikel von Valentin Wernet, Nicole Wernet und Reinhard Fischer finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 7/21: „Räuberische Pilze mit Anwendungspotenzial"