Nachgefragt: Dr. Andreas Diepold im Interview

Andreas Diepold

Dr. Andreas Diepold hat Biologie in Tübingen studiert. Nach Aufenthalten am Novartis Institute for Biomedical Research, an der Universität Basel und der University of Oxford ist er seit 2017 Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet. 
„Bakterielle Proteinsekretion, Infektionsbiologie, Proteindynamik, Nanomaschinen, Optogenetik in Prokaryoten“

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Wie Bakterien Proteine sekretieren und in fremde Zellen einschleusen, ist zugleich anschaulich und faszinierend komplex: Dass es spannend ist, diese Injektionsapparate, mit denen Mikroben unsere Zellen manipulieren (und damit Krankheiten von Bakterienruhr bis zur Pest auslösen), zu untersuchen, muss man kaum jemandem erklären. Gleichzeitig sind bakterielle Sekretionssysteme, ihre Steuerung, ihre Dynamik und Funktion aber so raffiniert, dass wir immer wieder neue Methoden und Ideen ausprobieren müssen, um sie besser zu verstehen.“

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?
„Das ist eigentlich ein Doppelhighlight: Noch als Postdoc hatte ich entdeckt, dass sich zentrale Bestandteile unseres Lieblings-Sekretionssystems, des Injektisoms, ständig austauschen. In den letzten zwei Jahren hat meine Gruppe dann herausgefunden, wozu Bakterien diesen Austausch einsetzen können (er erlaubt ihnen, die Proteinsekretion an die äußeren Bedingungen anzupassen), und wie wir ihn selbst nutzen können (indem wir die Proteinsekretion mittels Optogenetik durch Licht steuern).“

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

  • Ein schöner Review für Einsteiger ist: Deng, W., et al. (2017) Assembly, structure, function and regulation of type III secretion systems. Nat Rev Microbiol 15: 323–337.
  • Faszinierende in situ-Strukturen des Injektisoms bietet: Hu, B., et al. (2017) In Situ Molecular Architecture of the Salmonella Type III Secretion Machine. Cell 168: 1065-1074.e10.

Und natürlich unsere Publikationen zur Dynamik des Injektisoms und deren Anwendung:

  • Wimmi, S., et al. (2021) Dynamic relocalization of cytosolic type III secretion system components prevents premature protein secretion at low external pH. Nat Commun 12: 1625.
  • Lindner, F., et al. (2020) LITESEC-T3SS - Light-controlled protein delivery into eukaryotic cells with high spatial and temporal resolution. Nat Commun 11: 2381.
  • Milne-Davies, B., et al. (2021) Adaptivity and dynamics in type III secretion systems. Mol Microbiol 115: 395–411.

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Vielleicht das Rätsellösen. Ob Escape Rooms, Knobeleien oder Forschungsprojekte – ein Problem zu knacken, indem man von einer anderen Richtung her denkt, zwei auf den ersten Blick unzusammenhängende Felder kombiniert, finde ich besonders befriedigend.“

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Raus an die frische Luft und bewegen! Das funktioniert nicht nur für mich alleine, sondern auch in Diskussionen mit Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen.“

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler/innen mit auf den Weg geben?
„Gerade für jüngere Forschende: Mach das Projekt zu DEINEM Projekt und warte nicht auf Impulse von außen. Und für uns alle: Es lohnt sich, den Kopf hochzunehmen und auf Ideen und Entwicklungen aus anderen Feldern zu schauen – gerade die können die eigene Forschung oft richtig voranbringen. Häufig sind das die eher zufälligen Talks oder Gespräche auf Meetings – die es ja hoffentlich bald wieder geben wird.“

 

Den Artikel von Stephan Wimmi, Florian Lindner und Andreas Diepold finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 7/21: „Gezielte Injektion von Effektoren durch Kontrolle der Proteindynamik