Nachgefragt: Dr. Etienne Meyer im Interview

Etienne Meyer

Dr. Etienne Meyer ist Projektleiter in der Abteilung Zellphysiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Mitglied der Plant Mito Group (einer Gruppe von Wissenschaftler:innen, die sich in Deutschland mit Mitochondrien beschäftigen)

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet. 
„Pflanzenmitochondrien, Atmung, Proteinkomplexe, Evolution“

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Pflanzenmitochondrien sind faszinierend. Sie führen die Atmung durch und produzieren Energie für die Zelle wie die Mitochondrien bei Tieren, aber Pflanzenmitochondrien tun auch so viele andere Dinge. Sie spielen zum Beispiel eine wichtige Rolle beim Umgang mit photosynthetischen Aktivitäten. Sie sind auch wichtig für die Synthese mehrerer Vitamine oder für die Pollenbildung. Aber was sehr interessant ist, ist die Art und Weise, wie sie funktionieren; viele Aspekte ihrer Biologie erscheinen komplexer als bei tierischen Mitochondrien. Daher können wir durch das Studium der Pflanzenmitochondrien viel über die Evolution der Eukaryoten lernen.
Ich bin zufällig in die Welt der Mitochondrien gefallen. Als Student wollte ich Pflanzen studieren und interessierte mich für viele Themen. Ich besuchte mehrere Labore und das, das Pflanzenmitochondrien untersuchte, war das einladendenste. Ich habe meine Entscheidung, diesem Labor beizutreten, nie bereut. Das Feld der Pflanzenmitochondrien im Allgemeinen und insbesondere die deutsche Gemeinschaft sind äußerst freundlich.“

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?
„Wir untersuchen, wie die Atmung in Pflanzen organisiert und durchgeführt wird. Uns und anderen Gruppen gelang es, die Schritte des Zusammenbaus mehrerer Atmungskomplexe aufzuklären und wir fanden heraus, dass viele pflanzenspezifische Aspekte vorhanden sind. 
Das jüngste Highlight war jedoch die Gruppenarbeit der Plant Mito Group (Wissenschaftler, die sich mit Pflanzenmitochondrien in Deutschland beschäftigen). Insgesamt haben wir zwei Artikel geschrieben, jeder hat ein Kapitel zu seinem Fachwissen beigetragen. Diese Artikel sind vollständiger als jeder Artikel, den jeder von uns allein geschrieben hätte. Solch eine synergetische Arbeit mit so vielen Wissenschaftlern ist in der Wissenschaft eher ungewöhnlich und hat wirklich Spaß gemacht, definitiv ein Highlight.“

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

  • Fuchs P, Rugen N, Carrie C, Elsässer M, Finkemeier I, Giese J, Hildebrandt TM, Kühn K, Maurino VG, Ruberti C, Schallenberg-Rüdinger M, Steinbeck J, Braun HP, Eubel H, Meyer EH, Müller-Schüssele SJ, Schwarzländer M. (2020) Single organelle function and organization as estimated from Arabidopsis mitochondrial proteomics. Plant J. 101(2):420-441.
  • Braun HP, Binder S, Brennicke A, Eubel H, Fernie AR, Finkemeier I, Klodmann J, König AC, Kühn K, Meyer E, Obata T, Schwarzländer M, Takenaka M, Zehrmann A. (2014) The life of plant mitochondrial complex I. Mitochondrion 19 Pt B:295-319.
  • Meyer EH, Welchen E, Carrie C. (2019) Assembly of the Complexes of the Oxidative Phosphorylation System in Land Plant Mitochondria. Annu Rev Plant Biol. 70:23-50.

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Ich bin sehr neugierig, neue Kulturen zu entdecken und als Wissenschaftlerin habe ich es ermöglicht zu reisen und Menschen aus der ganzen Welt zu treffen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. 
Ich interessiere mich sehr für Geschichte, wie sich die Erde und die Menschen entwickelt haben. Dies hat mich sicherlich motiviert, evolutionäre Aspekte in meine Forschung einzubeziehen. 
Ich bin auch ein Plant-lover. Ich bin erstaunt über die Vielfalt der Pflanzen und wie viele verschiedene Dinge Pflanzen können. Dies ist wahrscheinlich der Grund, warum ich in meiner Forschung nicht immer den Standard-Modellorganismus verwende, sondern auch andere Arten benutz habe, um die natürliche Variation zu untersuchen.“

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Wenn ich bei der Arbeit bin, ist es wirklich schwer, Zeit zum Nachdenken zu finden, weil es so viele andere Sache zu tun gibt. Aber die beste Zeit für mich, über meine Projekte nachzudenken und neue Ideen/Hypothesen zu entwickeln, ist, wenn ich draußen in der Natur bin (meinen Garten pflegen, im Wald spazieren gehen). Zeit mit meinen Kindern zu verbringen ist perfekt, um meinen Kopf freizubekommen, aber nicht um nachzudenken.“

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler/innen mit auf den Weg geben?
„Es ist sehr wichtig, eine Arbeitsatmosphäre zu finden, die Ihren Erwartungen entspricht.
Seien Sie ehrgeizig, aber realistisch! 
Zerstreuen Sie sich nicht und beenden Ihre Projekte. Es ist einfach, 90% eines Projekts durchzuführen; die letzten 10 % zu beenden ist hart, aber super wichtig.“

 

Den Artikel von Tatjana Hildebrandt, Etienne Meyer und Markus Schwarzländer finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 7/21: „Die Proteinausstattung eines einzelnen pflanzlichen Mitochondriums