Nachgefragt: Dr. Kai Weißenbruch im Interview

Dr. Kai Weißenbruch ist Biologe und Postdoc am Zoologischen Institut, Zell- und  Neurobiologie, KIT, mit Schwerpunkten in Zellbiologie und Mechanobiologie in Karlsruhe.

Dr. Kai Weißenbruch ist Biologe und Postdoc am Zoologischen Institut, Zell- und  Neurobiologie, KIT, mit Schwerpunkten in Zellbiologie und Mechanobiologie in Karlsruhe.

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet.
„Wir nutzen mikrostrukturierte 2D und 3D Zellkultursubstrate, um grundlegende zellbiologische Fragestellungen in einem vereinfachten und systematischen Ansatz zu untersuchen:
Wie unterscheiden sich die grundlegenden zellulären Mechanismen auf solchen Substraten und klassischen Substraten, wie unbehandelten Deckgläsern?
Wie beeinflussen Geometrie und Topographie der extrazellulären Umgebung das zelluläre Schicksal, z.B. die Differenzierung von Stammzellen?
Welche zellulären Komponenten und Rückkopplungsmechanismen vermitteln die Kommunikation zwischen der Zelle und ihrer extrazellulären Umgebung?
Im spezielleren Sinne: Wie vermitteln nicht-muskuläre Myosin II Motorproteine diese Rückkopllungsmechanismen“

 

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Die Überlegung, dass jede einzelne Zelle in unserem Körper kontinuierlich und simultan hunderte unterschiedlicher Stimuli wahrnimmt und diese Informationen in Myriaden von subzellulären biochemischen Prozessen konvertiert, um letztlich ihre spezifischen biologischen Funktionen auszuführen…das fasziniert mich jeden Tag aufs Neue. Gepaart mit meiner Begeisterung für die Mikroskopie, hat sich dadurch bereits während meines Studiums recht schnell herauskristallisiert, dass die Interaktion der Zellen mit ihrer extrazellulären Umgebung ein Bereich ist, der mich über das Übliche hinaus interessiert.“

 

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?
„Da ich selbst erst seit guten 5 Jahren in der Forschung arbeite, ist meine Sicht dahingehend vermutlich viel eingeschränkter, als die eines Gruppenleiters, der bereits sein halbes Leben der Wissenschaft verschrieben hat, aber, wenn ich mich festlegen müsste, würde ich tatsächlich die Entwicklung unserer neuen Methodik wählen, welche auch in dieser Ausgabe vorgestellt wird. Es ist ein tolles Gefühl, wenn eine theoretische Überlegung langsam Form annimmt und vom Schreibtisch in das Labor übergeht und ich hoffe, dass ich noch einige experimentelle Ansätze damit durchführen kann.“

 

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

  • Thery et al., 2006: Cell Distribution of Stress Fibres in Response to the Geometry of the Adhesive Environment (DOI: 10.1002/cm.20126).
  • Klein et al., 2010: Two-Component Polymer Scaffolds for Controlled Three-Dimensional Cell Culture (DOI: 10.1002/adma.201004060).
  • Schiller et al., 2013: β1- and αv-class integrins cooperate to regulate myosin II during rigidity sensing of fibronectin-based microenvironments (DOI: 10.1038/ncb2747).
  • Graessl et al., 2017: An excitable Rho GTPase signaling network generates dynamic subcellular contraction patterns (DOI: 10.1083/jcb.201706052).
  • Shutova et al., 2017: Self-sorting of nonmuscle myosins IIA and IIB polarizes the cytoskeleton and modulates cell motility (DOI: 10.1083/jcb.201705167).

 

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Wenn es da etwas gibt, dann vermutlich die Fotographie, durch die letztlich auch meine Begeisterung für die Mikroskopie entstanden ist.“

 

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Ich bin ein total Wasser-affiner Mensch und egal ob beim Schwimmen, Tauchen oder Angeln, am Wasser kann ich meistens mal so richtig abschalten. Das hilft mir von Zeit zu Zeit ungemein und meistens kann ich dann wieder erholt und mit klarem Kopf an die Arbeit gehen. Die besten Lösungsansätze kommen bei mir interessanterweise aber meistens abends auf der Couch, wenn ich mit etwas Abstand die Dinge nochmal Revue passieren lasse.“

 

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler:innen mit auf den Weg geben?
„Wie gesagt arbeite ich erst seit 5 Jahren in der Forschung und sehe mich selbst als angehenden Wissenschaftler. Von daher kann ich hier nur bedingt meine eigene Ansicht darstellen. Ich glaube allerdings, dass es wichtig ist, eine Neugierde und Begeisterung für die eigene Arbeit zu empfinden, die dazu führt, dass man auch wirklich mit einem Thema weiterkommen möchte. Manchmal sind die Standardansätze für eine bestimmte Fragestellung nicht geeignet und dann muss man schauen, wie man mit den zur Verfügung stehenden Mitteln weiterkommt. Das funktioniert nur, wenn man auch wirklich weiterkommen will. Und wenn es wirklich mal nicht weitergeht…raus ans Wasser!“

 

Den Artikel von Kai Weißenbruch et al. finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 4/21: „Zelluläres Tauziehen: Wie Zellen auf mechanischen Stress antworten