Nachgefragt: Dr. Konstantin Sparrer im Interview

Dr. Konstantin Sparrer ist Biochemiker und Juniorgruppenleiter am Institut für Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Ulm

Dr. Konstantin Sparrer ist Biochemiker und Juniorgruppenleiter am Institut für Molekulare Virologie am Universitätsklinikum Ulm.

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet.
„Wir forschen an Viren gegen Wirt und Wirt gegen Viren. Wie verteidigt sich der Wirt gegen angreifende Pathogene wie Viren und wie versuchen Viren, die Verteidigungsstrategien des Wirtes auszutricksen um eine Infektion zu etablieren. Dabei schauen wir uns speziell die Interaktion von Viren mit dem angeborenen Immunsystem an.“

 

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Das angeborene Immunsystem ist ein komplexes anti-virales System, dass unglaublich effektiv darin ist Krankheitserreger abzuwehren – nur ein geringer Bruchteil der Pathogene denen wir ausgesetzt sind, etablieren auch eine Infektion. Wir wissen aktuell allerdings noch viel zu wenig darüber wie dieses faszinierende System genau funktioniert und welche Moleküle daran beteiligt sind. Allerdings haben erfolgreiche virale Erreger Strategien entwickelt um unsere Verteidigungssysteme zu umgehen und in ihrer Arbeit zu behindern. Durch Erforschen des Wechselspiels zwischen erfolgreichen Viren und dem Immunsystem können wir verstehen, warum es dem angeborenen Immunsystem manchmal nicht gelingt das Pathogen unschädlich zu machen. Daraus können wir ableiten wie man dem angeborenen Immunsystem in seiner Arbeit helfen könnte und somit neue Therapieansätze gegen virale Erkrankungen entwickeln, gegen die wir bisher machtlos sind.

Persönlich spielen meine Neugier und die Faszination etwas entdecken zu können, dass noch nie vorher jemand beobachtet/erklären konnte, natürlich eine entscheidende Rolle. Dies ist gepaart mit der Hoffnung, ein paar entscheidende Puzzleteile beitragen zu können, um das Wechselspiel von Immunsystem und Viren verstehen zu können.“

 

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?    
„Highlights sind natürlich alle Forschungs-Arbeiten, die man publiziert. Das, an dem man teilweise Jahre im Team gearbeitet hat in kompakter Form der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, damit es (hoffentlich) einen Erkenntnisgewinn für die Allgemeinheit bedeutet. 

Wir haben in den letzten Jahren erfolgreich Methoden und Ansätze entwickelt, die sich mit dem Wechselspiel von Viren und angeborenem Immunsystem beschäftigen. All diese Vorarbeiten erlaubten es uns schnell relevante Beiträge zur Erforschung des Erregers der COVID-19 Pandemie, SARS-CoV-2, zu leisten. Wir haben untersucht, wie Proteine von SARS-CoV-2 das angeborene Immunsystem aushebeln und haben einige neue Strategien aufdecken können, angefangen von der Blockade der Proteinsynthese von anti-viralen Molekülen durch das Nicht-Struktur-Protein 1 bis hin zur Manipulation von zellulären Prozessen, die Viren abbauen können durch die Proteine ORF3a und ORF7a. Dabei zu helfen zu können ein neues Pathogen zu verstehen, dass eine Bedrohung für die weltweite Gesundheit darstellt ist ein absolutes Highlight. Ich hoffe allerdings, dass diese Forschung auch genutzt werden kann um auf zukünftige Pandemien besser vorbereitet zu sein, oder noch besser um sie zu verhindern.“

 

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

  • Hayn M, Hirschenberger M, Koepke L, Nchioua R, Straub JH, Klute S, Hunszinger V, Zech F, Prelli Bozzo C, Aftab W, Christensen MH, Conzelmann C, Müller JA, Srinivasachar Badarinarayan S, Stürzel CM, Forne I, Stenger S, Conzelmann KK, Münch J, Schmidt FI, Sauter D, Imhof A, Kirchhoff F, Sparrer KMJ. Systematic functional analysis of SARS-CoV-2 proteins uncovers viral innate immune antagonists and remaining vulnerabilities. Cell Rep. 2021 May 18;35(7):109126.  doi: 10.1016/j.celrep.2021.109126. Epub 2021 Apr 27. PMID: 33974846; PMCID: PMC8078906.
  • Thoms M, Buschauer R, Ameismeier M, Koepke L, Denk T, Hirschenberger M, Kratzat H, Hayn M, Mackens-Kiani T, Cheng J, Straub JH, Stürzel CM, Fröhlich T, Berninghausen O, Becker T, Kirchhoff F, Sparrer KMJ, Beckmann R. Structural basis or translational shutdown and immune evasion by the Nsp1 protein of SARS- CoV-2. cience. 2020 Sep 4;369(6508):1249-1255. doi: 10.1126/science.abc8665. Epub 2020 Jul 17. PMID: 32680882; PMCID: PMC7402621.

 

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Schwierige Frage. Prinzipiell kann man Inspiration für Lösungsansätze bei allem bekommen, was man macht. Ich denke nicht, dass es ein Patentrezept für Hobbies gibt, die einem im naturwissenschaftlichen Beruf direkt helfen, aber oft indirekt, beispielsweise sie trainieren die Disziplin und das Durchhaltevermögen, z.B. Sport.“

 

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Ein toller Partner im Leben ist natürlich auch sehr wichtig. Da habe ich echt Glück gehabt, denn wenn‘s mal in der Arbeit grad echt frustrierend ist, habe ich jemanden zum Anlehnen. Dazu kommen Sport & Beschäftigung mit anderen Dingen, die auf dieser Welt noch interessant sind. Die besten neuen Lösungsansätze fallen ein, wenn man über den Tellerrand seiner eigenen Forschungsnische schaut und sich von dort aus neuen Ideen und Herangehensweisen holt und diese dann mit Kollegen diskutiert. Kommunikation ist ganz wichtig.“

 

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler:innen mit auf den Weg geben?
„Man kann alles lernen, wenn man nur neugierig genug darauf ist, es zu können.“

 

Den Artikel von Konstantin Sparrer und Frank Kirchhoff finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 4/21: „SARS-CoV-2 Nsp1: Ein kleines Protein blockiert die Immunantwort