Nachgefragt: Prof. Dr. Alexander Grünberger im Interview

Alexander Grünberger

Prof. Dr. Alexander Grünberger ist Bioingenieur und Professor der AG „Multiscale Bio engineering“ an der Technischen Fakultät der Universität Bielefeld.

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet.
„Einzelzellkultivierung, zelluläre Heterogenität, Mikrofluidik, Bioverfahrenstechnik und Biotechnologie. 
Wie hängen diese Stichpunkte zusammen? Die Untersuchung des Verhaltens einzelner Zellen benötigt neue Untersuchungsmethoden. Neue mikrofluidische Einzelzellkultivierungssysteme bieten hier ein großes Potential. Die gewonnenen Erkenntnisse können anschließend als Grundlage für die Optimierung und Neuentwicklung von biotechnologischen Produktionsprozessen dienen.“ 

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Das Zusammenspiel zwischen Technik und Biologie hat mich schon seit meiner Jugend fasziniert, weshalb ich mich für ein Bioverfahrenstechnik Studium entschied. Während meines Studiums kam ich in Kontakt mit zahlreichen Methoden und Anwendungen aus verschiedenen naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen. Diese in verschiedenen Kombinationen zu verbinden, anzuwenden und weiterzuentwickeln macht mir noch heute Spaß. Damals habe ich mich hauptsächlich mit Bioreaktoren im Labormaßstab beschäftigt, heute insbesondere mit Bioreaktoren in der Größenordnung einzelner Zellen. Die Prinzipien sind ähnlich, die Herausforderungen sehr unterschiedlich.“

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?
„Die Entwicklung eines Einzelzellkultivierungssystems (siehe Täuber et al., Lab on a Chip, 2020) mit dem wir in der Lage sind, Zellen bei definierten Umweltbedingungen zu kultivieren und zu untersuchen. Dieses Kultivierungssystem gibt uns zahlreiche Möglichkeiten Zellen und ihr Verhalten mit Hilfe von Live-cell imaging in einer noch nie dagewesenen Auflösung zu untersuchen. Es bleibt sehr spannend, was wir damit in den nächsten Jahren alles herausfinden können und werden.“

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

  • S. Täuber, C. Golze, P. Ho, E. von Lieres and A. Grünberger,2020, dMSCC: A microfluidic platform for microbial single-cell cultivation of Corynebacterium glutamicum under dynamic environmental medium conditions, Lab on a Chip, 20:4442-4455, DOI: 10.1039/D0LC00711K 
  • C. Dusny and A. Grünberger, 2020, Microfluidic single-cell analysis in biotechnology: from monitoring towards understanding, Current Opinion in Biotechnology, 63:26–33, DOI: 10.1016/j.copbio.2019.11.001
  • Burmeister, F. Hilgers, A. Lange, C. Westerwalbesloh, Y. Kerkhoff, N. Tenhaef, T. Drepper, D. Kohlheyer, E. von Lieres, S. Noack and A. Grünberger,2019, A microfluidic co-cultivation platform to investigate microbial interactions at defined microenvironments, Lab on a Chip, 19(1):98-110, DOI: 10.1039/C8LC00977E 
  • Grünberger, W. Wiechert and D. Kohlheyer, 2014, Single-Cell Microfluidics: Opportunity for Bioprocess Development, Current Opinion in Biotechnology, 29:15-23, DOI: 10.1016/j.copbio.2014.02.008

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Meine wissenschaftliche Arbeit profitiert von zahlreichen interdisziplinären Diskussionen mit Kollegen aus angrenzenden aber auch fremden Disziplinen zum Beispiel der Informatik, Medizin, Ökologie und den Wirtschaftswissenschaften. Diese Diskussionen haben angeregt über Aspekte wie Datenanalyse, Nachhaltigkeit aber auch neue Anwendungsfelder unserer Technologie nachzudenken und in meiner Forschung aufzugreifen.
Mein Interesse an Science-Fiction gibt mir kontinuierliche Inspiration und Denkanstoß für meine Forschungsvisionen. Ein Blick in eine fiktive Zukunft half mir immer kreative Ideen in meine Forschung mit einzubringen und über die Realisierbarkeit und Nutzen von Technologien nachzudenken.“

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Die besten Lösungsansätze und Ideen fallen mir außerhalb der Arbeit ein, wenn ich nicht aktiv über einen Lösungsansatz nachdenke. Das kann im Urlaub, aber auch bei Alltagssituationen sein z.B. einkaufen oder duschen. Oftmals hilft jedoch auch ein lockeres Gespräch (am besten beim Kaffee) mit Freunden, Kolleg:innen und Studierenden. Neue Lösungsansätze sind somit für mich eine Mischung aus Tapetenwechsel und Diskussion.“ 

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler:innen mit auf den Weg geben?
„Für angehende Wissenschaftler:innen sind viele Dinge wichtig um in der Wissenschaftswelt erfolgreich und glücklich zu sein (keine Angst vor Neuem, Interesse und Leidenschaft an der Thematik etc.). Mein Geheimtipp ist: An die eigenen Ideen glauben.“

 

Den Artikel von Luisa Blöbaum, Sarah Täuber Alexander Grünberger finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 5/21: Ein Wechselbad für Mikroben: Wachs en unter dynamischen Umweltbedingungen