Nachgefragt: Prof. Dr. Dorothee Dormann im Interview

Prof. Dr. Dorothee Dormann ist Biochemikerin und Heisenberg-Professorin im Fachbereich Biologie der Universität Mainz sowie Adjunct Director am Institut für Molekulare Biologie (IMB) in Mainz.

Prof. Dr. Dorothee Dormann ist Biochemikerin und Heisenberg-Professorin im Fachbereich Biologie der Universität Mainz sowie Adjunct Director am Institut für Molekulare Biologie (IMB) in Mainz.

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet.
„Neurodegenerative Erkrankungen (insbesondere Amyotrophe Lateralsklerose und Frontotemporale Demenz), RNA-Bindeproteine, Kerntransport, Phasentrennung und Proteinaggregation“
 

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Mich fasziniert es, die molekularen Ursachen schwerwiegender Erkrankungen zu entschlüsseln und ich hoffe, dass wir mit unserer Forschung einen Beitrag zur Entwicklung neuer Therapieansätze liefern können. Während meiner immunologischen Doktorarbeit, bei der ich die Antigenprozessierung viraler Proteine untersucht habe, kam ich mit dem Gebiet der Autophagie in Berührung – das weckte mein Interesse für Proteinaggregation, da Proteinaggregate oft über Autophagie abgebaut werden. Daher begann ich, als Postdoktorandin an neurodegenerativen Erkrankungen und Proteinaggregation zu forschen. Damals war gerade die Aggregation eines bestimmten RNA-Bindeproteins in der Frontotemporalen Demenz und Amyotrophen Lateralsklerose beschrieben worden, der zugrundeliegende Mechanismus war noch komplett unbekannt. Das war eine tolle Gelegenheit, in ein ganz neues Forschungsgebiet einzusteigen.“
 

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?
„Meine Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass Kernimportrezeptoren (sog. Importine) im Cytoplasma als „Chaperone“ von RNA-Bindeproteinen dienen und deren Phasentrennung und Aggregation unterdrücken können. Diese Chaperonfunktion kann bei bestimmten erblichen Formen der ALS gestört sein, wodurch cytoplasmatische Aggregation gewisser RNA-Bindeproteine begünstigt wird. Wir haben also eine neue, wichtige Funktion der Importine und deren Relevanz bei neurodegenerativen Erkrankungen entdeckt.“ 
 

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

  • Hutten S, Usluer S, Bourgeois B, Simonetti F, Odeh HM, Fare CM, Czuppa M, Hruska-Plochan M, Hofweber M, Polymenidou M, Shorter J, Edbauer D, Madl T and Dormann D (2020) Nuclear import receptors directly bind to arginine-rich dipeptide repeat proteins and suppress their pathological interactions. Cell Rep, 33:108538 
  • Alberti S and Dormann D (2019) Liquid-liquid phase separation in disease. Annu Rev Genet, 53:171–194 
  • Hofweber M and Dormann D (2019) Friend or foe-post-translational modifications as regulators of phase separation and RNP granule dynamics. J Biol Chem, 294:7137–7150 
  • Hofweber M, Hutten S, Bourgeois B, Spreitzer E, Niedner-Boblenz A, Schifferer M, Ruepp MD, Simons M, Niessing D, Madl T and Dormann D (2018) Phase separation of FUS is suppressed by its nuclear import receptor and arginine methylation. Cell, 173:706-719.e13 
  • Dormann D, Rodde R, Edbauer D, Bentmann E, Fischer I, Hruscha A, Than M, Mackenzie I, Capell A, Schmid B, Neumann M, Haass C (2010) ALS-associated FUS mutations disrupt Transportin-mediated nuclear transport. EMBO J 29:2841-57

 

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Zum einen von meinen Kindern – sie zwingen mich täglich abzuschalten und meine Arbeit für ein paar Stunden zu verdrängen. Zum anderen hat meine Arbeit schon oft vom geselligen Zusammensein und informellen Austausch mit anderen Wissenschaftler:innen profitiert, z.B. bei Konferenzen, Seminareinladungen oder beim Kaffeetrinken mit Kolleg:innen. Das kommt im Moment wegen der Pandemie leider zu kurz.“
 

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Am besten helfen mir Gespräche mit Mitarbeiter/innen oder Kolleg/innen, also ein Blick von außen und eine gemeinsame Analyse der Situation im Gespräch. Lösungsansätze kommen mir manchmal auch nachts im Bett, wenn ich nicht schlafen kann und ich in Ruhe nachdenke.“
 

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler:innen mit auf den Weg geben?
„Denken Sie nicht zu viel über die Zukunft nach – 95% aller Sorgen macht man sich umsonst und meistens kommt es eh anders als man denkt.“

 

Den Artikel von Saskia Hutten und Dorothee Dormann finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 4/21: „Gestörter Kerntransport und Phasentrennung von RNA-Bindeproteinen