Nachgefragt: Prof. Dr. Frank Hollmann im Interview

Prof. Dr. Frank Hollmann ist Biochemiker und Universitätsprofessor sowie Arbeitsgruppenleiter an der Technischen Universität in Delft, Niederlanden.

Prof. Dr. Frank Hollmann ist Biochemiker und Universitätsprofessor sowie Arbeitsgruppenleiter an der Technischen Universität in Delft, Niederlanden.

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet.
„Biokatalyse (Verwendung von Enzymen für chemische Transformationen): Mit Enzymen stehen dem organischen Chemiker faszinierende Werkzeuge zur Verfügung. Sie ermöglichen selektive Umsetzungen wie sie mit den klassischen Katalysatoren kaum oder gar nicht erreichbar sind. Mein Ziel ist, die Enzymkatalyse weiter in der organischen Chemie zu verankern. Mein Hauptmerk liegt dabei auch Oxidoreduktasen, Enzymen die Oxidations- und Reduktionsreaktionen katalysieren. 

Grünere Chemie: Ich glaube, dass es eine Verpflichtung für heutige Wissenschaftler ist, daran mitzuarbeiten, dass unsere Gesellschaft nachhaltiger wird. Meist wird dafür der Begriff Grüne Chemie angeführt. Allerdings glaube ich nicht, dass irgendeine menschliche Tätigkeit wirklich grün sein kann. Wir können uns allerdings bemühen, unseren Einfluss auf unsere Umwelt auf ein verträgliches Maß zu beschränken, deshalb favorisiere ich den Begriff Grünere Chemie.“ 

 

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Chemie hat mich schon seit meiner Jugend fasziniert (damals stand natürlich das Krachen und Stinken im Vordergrund), weshalb es für mich eine natürliche Wahl war, Chemiker zu werden. Während meines Studiums kam ich dann in Kontakt mit der Biochemie und war begeistert von der Eleganz biochemischer Synthesewege. Deshalb habe ich mich schon früh auf die Biokatalyse spezialisiert. Enzyme ermöglichen chemische Reaktionen in einer Selektivität wie sie ‚normalen‘ chemischen Reaktionen oft nicht möglich sind und sind daher wundervolle Katalysatoren, die leider noch nicht von allzu vielen Chemikern wertgeschätzt werden.“

 

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?
„Seit einigen Jahren beschäftigen wir uns intensiv mit Peroxygenasen. Diese sind Enzyme die von ligninabbauenden Pilzen produziert werden. Zunächst lag unser Augenmerk auf Verfahren, diese Enzyme praktisch einzusetzen. Besonders die maßgeschneiderte Bereitstellung vom reaktiven Kosubstrat H2O2 war eine Herausforderung der wir uns gestellt haben. Es ist faszinierend auf wie viele verschiedene Arten dieses Problem gelöst werden kann. Von einfachem enzymatischen Kaskaden über elektrochemische Verfahren zu Photosynthese–inspirierten Verfahren haben wir entwickelt. Aber auch exotischere Methoden wie die Verwendung von Ultraschall, kalten Plasmen bis zu radioaktivem Abfall sind möglich.
Darüber hinaus eröffnen Peroxygenasen faszinierende Synthesemöglichkeiten wie der selektiven, Aromatizität-brechenden Funktionalisierung von Benzolderivaten.“

 

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

  • W. Zhang,* H. Li, S. H. H. Younes, P. Gómez de Santos, F. Tieves, G. Grogan, M. Pabst, M. Alcalde, A. C. Whitwood, F. Hollmann*. Biocatalytic Aromaticity-Breaking Epoxidation of Naphthalene and Nucleophilic Ring-Opening Reactions. ACS Catal. 2021, 11, 2644-2649. DOI: 10.1021/acscatal.0c05588
  • W. Zhang,* H. Liu, M.M.C.H. van Schie, P.L. Hagedoorn, M. Alcalde, A.G. Denkova, K. Djanashvili, F. Hollmann*.Nuclear Waste and Biocatalysis: A Sustainable Liaison?. ACS Catal., 2020, 10, 14195-14200. DOI: 10.1021/acscatal.0c03059
  • W. Zhang, E. Fernández-Fueyo, Y. Ni, M. van Schie, J. Gacs, R. Renirie, R. Wever, F. G. Mutti, D. Rother, M. Alcalde, F. Hollmann*. Selective aerobic oxidation reactions via combination of photocatalytic water oxidation and enzymatic oxyfunctionalisations. Nature Catal., 2018, 1, 55–62. DOI: 10.1038/s41929-017-0001-5

 

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Meine Frau und ich halten uns gerne draußen auf und unternehmen ausgiebige Fahrradtouren. Wenn der Kopf frei ist kommen manchmal auch unerwartete Gedanken und Ideen. Persönlich kann ich nicht am Schreibtisch kreativ sein.“

 

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Ausgiebige Spaziergänge und Fahrradtouren mit meiner Frau. Squash spielen.“

 

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler/innen mit auf den Weg geben?
„Am wichtigsten ist, dass man sich mit seiner Arbeit identifizieren kann und Freude daran hat. Ist das nicht (mehr) der Fall, sollte ein Wechsel (des Arbeitsplatzes und/oder der Branche: Universität, privater Sektor/ öffentlicher Dienst) in Betracht gezogen werden.“

 

 

Den Artikel von Frank Hollmann und Dirk Holtmann finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 2/21: „Intensivierung von enzymkatalysierten Reaktionen