Nachgefragt: Prof. Dr. Matthias Labrenz im Interview

Prof. Dr. Matthias Labrenz ist Meeresbiologie und Universitätsprofessor für Umweltmikrobiologie sowie Arbeitsgruppenleiter an der Universität Rostock.

Prof. Dr. Matthias Labrenz ist Meeresbiologie und Universitätsprofessor für Umweltmikrobiologie sowie Arbeitsgruppenleiter an der Universität Rostock.

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet.

  • Biofilme auf Mikroplastik
  • Abbaubarkeit von Mikroplastik im Ozean
  • Quellen und Senken von Mikroplastik in der Ostsee

 

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Als ich erstmals im Kleinen Mikrobiellen Praktikum der Universität Kiel eine Agarplatte mit Bakterienkolonien gesehen - und auch gerochen - habe, war es um mich geschehen. Mich faszinieren diese kaum sichtbaren und für uns ungewöhnlichen Lebewesen, die praktisch das Leben auf dieser Welt unterhalten. Zurzeit interessieren mich insbesondere die mikrobiellen Gemeinschaften der Ostsee. Im wärmeren Sommern spielen dort an den Badestränden pathogene Vibrionen eine große Rolle. Und bereits vor einigen Jahren wurde postuliert, dass sich marine Vibrionen bevorzugt auf Mikroplastik ansiedeln können. Die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Vibrionen und Mikroplastik an den Badestränden der Ostsee geben könnte, war mein Einstieg in die Mikroplastik-Thematik.“ 

 

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?
„Eigentlich gibt es zwei Highlights für mich. Das erste war, dass wir mittlerweile das Gefährdungspotential von marinen Biofilmen auf Mikroplastik gut einschätzen können. Hier lässt sich sagen, dass wir es mit Partikeln zu tun haben, die sich in Bezug auf Biofilme wenig von natürlichen Partikeln unterscheiden. Daher gehen wir von keinem spezifischen Gefährdungspotential von marinen Biofilmen auf Mikroplastik aus. Ist dies noch einigermaßen beruhigend, ist es das zweite Highlight - die Abbaubarkeit von Mikroplastik im Ozean – eher nicht. Hier müssen wir annehmen, dass die Mikroorganismen keinen Vorteil aus dem Abbau von Plastik, also dessen Oxidation zu CO2 und H2O, ziehen können und dieser daher nicht aktiv stattfindet. Mikroplastik wird also ggf. weiter zu Nanoplastik fragmentieren, aber sich im Ozean stetig anreichern.“

 

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

  • Oberbeckmann, S., Bartosik, D., Huang, S., Werner, J., Hirschfeld, C., Wibberg, D., Heiden, S.E. Bunk, B. Overmann, J., Becher, D., Kalinowski, J., Schweder, T., Labrenz, M., Markert, S. (2021). Genomic and proteomic profiles of biofilms on microplastics are decoupled from artificial surface properties. Env  Microbiol; https://doi.org/10.1111/1462-2920.15531
  • Oberbeckmann, S., Labrenz, M. (2020). Marine microbial assemblages on microplastics: diversity, adaptation, and role in degradation. Annu Rev Mar Sci, 12:209-232; https://doi.org/10.1146/annurev-marine-010419-010633
  • Enders, K., Lenz, R., Ivar do Sul, J.A., Tagg, A.S. & Labrenz, M. (2020). When every particle matters: A QuEChERS approach to extract microplastics from environmental samples, MethodsX, 7, 100784, https://doi.org/10.1016/j.mex.2020.100784
  • Enders, K., Käppler, A., Biniasch, O., Stollberg, N., Fischer, D., Eichhorn, K.-J., Pollehne, F., Oberbeckmann, S., Labrenz, M. (2019). Microplastic - sediment analogies and their relevance for retention of the anthropogenic pollutant in estuarine environments/ in sedimentary environments. Scientific reports 9: 15207, doi: 10.1038/s41598-019-50508-2
  • Klaeger, F., Tagg, A. S., Otto, S., Bienmüller, M., Sartorius, I.,  Labrenz, M. (2019). Residual monomer content affects the interpretation of plastic degradation. Scientific reports, 9: 2120. doi: 10.1038/s41598-019-38685-6.

 

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Letztendlich haben meine Kinder es verstanden, meine Gedanken grundsätzlich immer wieder neu auszurichten und Wege zu gehen, auf die ich vorher nicht gekommen wäre. Wahrscheinlich hatten sie mir damals schlichtweg deutlich gemacht, dass ich bequeme und eingetretene Pfade ging, und sie lehrten mich, diese wieder zu verlassen. Das Prinzip habe ich auf meine wissenschaftliche Arbeit übertragen.“

 

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Bei normalen Problemen reicht in der Regel der tägliche Fahrradweg von etwa 2 h (gesamt) durch den schönen Wald „Rostocker Heide“. Bei größeren Dingen versuche ich mehr Abstand zu gewinnen, um von außen betrachten zu können. Ein Wochenende irgendwo ohne Internet kann da bereits helfen. Am besten mit kompetenten Gesprächspartnern.“

 

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler/innen mit auf den Weg geben?
„Da kenne ich leider keinen. Wichtig ist aber sicher, von seinen Forschungsinteressen wirklich überzeugt zu sein, und auch andere offen dafür begeistern zu können. Alles andere ergibt sich dann meist von selbst.“

 

 

Den Artikel von Matthias Labrenz et al. finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 4/21: „Mikrobieller Plastikabbau im Meer: die Suche nach dem Unwahrscheinlichen“