Nachgefragt: Prof. Dr. Nediljko „Ned“ Budisa im Interview

Budisa

Prof. Dr. Nediljko Budisa ist ein kroatischer Biochemiker, Professor und Inhaber des Tier 1 Canada Research Chair (CRC) für Chemisch-Synthetische Biologie an der University of Manitoba, Winnipeg, Kanada, außerdem hat er einen Adjunct Professor Status an der Technischen Universität in Berlin (rechter Teil des Bildes: Copyright der Autor)

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet. 
„Bioorthogonale Chemie, Gerichtete Evolution von synthetischen Enzymen und Zellen, Genetisches Code Engineering & Erweiterung, Orthogonale Enzyme und Proteintranslation, Synthetische Biologie und Xenobiologie“

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Ich möchte das Aminosäurenrepertoire des genetischen Codes verstehen und verändern. Und ich habe mein Leben um dieses Ziel herum organisiert. Konkret geht es darum, warum es „nur“ 20 Aminosäuren im Lebenscode der Erde gibt und wie man neuartige genetische Codes und Lebensformen schaffen kann.“

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?
„Wir haben endlich die chemische Logik des Aminosäurenrepertoires des genetischen Codes verstanden (Modell der „Alaninwelt“). Außerdem ist es uns auch gelungen, Escherichia coli dazu zu bringen, den „frozen“ Zustand des genetischen Codes zu überwinden. Dies ist der erste Schritt auf dem Weg zur Veränderung der grundlegenden Chemie des Lebens (d. h. chemisch orthogonale synthetische Zellen und Organismen mit alternativen genetischen Codes zu schaffen).“

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

  • Tolle, I. et al. & Budisa, N. (2021) Evolving a mitigation of the stress response pathway to change thebasic chemistry of life. bioRxiv-Synthetic Biology; doi: 10.1101/2021.09.23.461486).
  • Koch, N.G., Göttig, P., Rappsilber, J. & Budisa, N. (2021) Engineering Pyrrolysyl-tRNA synthetase for the incorporation of non-canonical amino acids with smaller side chains. Int. J. Mol. Sci., 22(20), e11194 (doi: 10.3390/ijms222011194)
  • Kubyshkin, V. & Budisa, N. (2019) The alanine world model for the development of the amino acid repertoire in protein biosynthesis. Int. J. Mol. Sci. 20(21), e5507; (doi: 10.3390/ijms20215507) 
  • Baumann, T. et al. & Budisa, N. (2019) Computational Aminoacyl-tRNA Synthetase Library Design for Photocaged Tyrosine. Int. J. Mol. Sci., 20(9), e2343 (doi: 10.3390/ijms20092343)
  • Hoesl, M. G. et al. & Budisa, N. (2015). Chemical evolution of a bacterial proteome. Angew. Chem. Int. Ed. Engl., 54, 10030-10034; doi: 10.1002/anie.201502868.

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Sport - Geschichte - Religion. Sport - Boxen im Ring ist eine Nachahmung des wirklichen Lebens: Man soll eine Konfliktsituation mit minimalem und ökonomischen Energieeinsatz lösen (keine Luftschläge und Kampf gegen schwache Gegner!). Geschichte - Europa verstehen von der Spätantike bis zur Entdeckung Amerikas; Geschichte (II) - zum Verständnis des Übergangs meiner Heimat Dalmatien von der illyrisch-römischen zur slawisch-romanischen Gesellschaft. Religion - Versuch einer Antwort auf die Frage, ob die westliche Wissenschaft und die jüdisch-christlich-muslimische religiöse Tradition ein und dieselbe Sache sind?“

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Die wirkliche experimentelle Wissenschaft über komplexe biologische Systeme sieht so aus: 95% der geplanten Experimente funktionieren nicht, die restlichen 5% sind reine Frustration. Der Erfolg wird nur den Standhaften zuteil. Audaces fortuna iuvat. Obwohl Wissenschaft und Sport nicht vergleichbar sind, haben sie eines gemeinsam: Du brauchst eine Zeit zum Regenerieren. Nimm dir diese Zeit für dich selbst und für deine Liebsten.“

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler/innen mit auf den Weg geben?
„Drei Dinge sind wichtig: 1.) Finde dein Ziel! Entscheide dich, was du erreichen willst, experimentiere nicht zu lange mit deinem Leben. Organisiere dein Leben um dein Ziel.  2.) Akzeptiere, dass das Leben ungerecht ist! Beschwer dich nicht! Mache aus der Not eine Tugend. Gib dein Bestes und lass dich nicht durch irgendwelche Vergleiche mit anderen fertig machen. Do it your way! 3.) Sei nicht egoistisch! Arbeite täglich, dich zu verbessern.  Es ist viel besser zu geben als zu nehmen. Früher oder später wirst du erfahren, dass es dir damit gut geht.“

 

Den Artikel von Nikolaj Georg Koch und Nediljko Budisa finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 6/21: „Pyrrolysyl-tRNA-Synthetase: Methanogenese und Gencode-Erweiterung