Nachgefragt: Prof. Dr. Nina Morgner im Interview

Nina Morgner

Prof. Dr. Nina Morgner hat Physik studiert und promoviert. Nach Aufenthalten an der Cambridge University und der University of Oxford hat sie jetzt eine Heisenbergprofessur an der Universität Frankfurt am Main inne. Das Bild zeigt sie zusammen mit ihrem Doktoranden vor dem Meßinstrument

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet. 
„Nicht-kovalente Massenspektrometrie, Aggregation, Assemblierung und Interaktionen makromolekularer Komplexe, Konformationelle Änderungen von Proteinen und Komplexen und ihre Relevanz, Instrumentelle Entwicklungen“

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Schon als Kind habe ich immer nach dem Warum gefragt – zu verstehen wie und warum bestimmte Dinge funktionieren (oder eben auch nicht) hat eine große Faszination für mich. Das gilt speziell auch für die makromolekularen Komplexe, die wir untersuchen, ohne die zelluläres Leben nicht möglich wäre. 
Da es mich immer gestört hat, wenn die Grenzen unserer Forschung durch die Limitierung von Geräten oder Software festgelegt werden, hat die instrumentelle Weiterentwicklung auch eine wichtige Bedeutung für mich.“

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?
„Es ist sehr faszinierend zu sehen, wie sich die Natur selbst organisiert. In der Zelle werden beispielsweise die verschiedenen Bauteile aller molekularen Maschinchen produziert und bauen sich dann nach einem bestimmten Bauplan zu funktionalen Komplexen zusammen, wie wir das an ATPasen, den zellulären Energieproduzenten untersuchen. In anderen Fällen, wie dem Amyloid-ß Peptid kann deren Aggregation zu toxischen Oligomeren und Fibrillen führen, die mit der Alzheimer Krankheit in Zusammenhang stehen. Wir konnten in den letzten Jahren zum besseren Verständnis solcher Prozesse beitragen.“

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

  • Khanh Vu Huu, Rene Zangl, Jan Hoffmann et al. Bacterial F-type ATP synthases follow a well-choreographed assembly pathway, accepted for publication in Nat Commun (2021), Preprint available at Research Square https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-146068/v1 
  • Tobias Lieblein*, Rene Zangl*, Janosch Martin, Jan Hoffmann, Marie J Hutchison, Tina Stark, Elke Stirnal, Thomas Schrader, Harald Schwalbe, Nina Morgner, Structural rearrangement of amyloid-β upon inhibitor binding suppresses formation of Alzheimer disease related oligomers, eLife 2020;9:e59306     https://doi.org/10.7554/eLife.59306, * contributed equally
  • Tina Stark, Tobias Lieblein, Maximilian Pohland, Elisabeth Kalden, Petra Freund, Rene Zangl, Rekha Grewal, Mike Heilemann, Gunter P. Eckert, Nina Morgner, and Michael W. Göbel, Peptidomimetics That Inhibit and Partially Reverse the Aggregation of Aβ1–42. Biochemistry 56, 4840-4849 (2017). https://doi.org/10.1021/acs.biochem.7b00223

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Ich habe kein spezielles Hobby, das meiner wissenschaftlichen Arbeit hilft. Es ist eher so, dass sich bestimmte Grundeinstellungen eben in allen Bereichen des Lebens zeigen. Das ist bei mir ein Interesse daran, zu verstehen wie Dinge funktionieren. Außerdem denke ich, dass bei neuen Herausforderungen „Kann ich das überhaupt?“ die falsche Frage ist. „Was probiere ich zuerst aus, um das Problem zu lösen?“ ist meist die Frage, die ich mir stelle. Damit kommt man privat und wissenschaftlich weiter, als wenn man sich erstmal selber blockiert.“

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Wenn ich mich in irgendeiner Situation festgefahren habe, dann lohnt es sich meist nicht verbissen weiterzumachen. Dann muss ich einfach mal etwas ganz Anderes machen – das kann ein Waldspaziergang sein oder ein Essen, bei dem ich mit Freunden oder Familie über alles rede, außer Wissenschaft. Oder ich mache etwas von der Liste „wenn ich mal dazu komme“, wie Pflanzen umtopfen, Flur streichen usw. Danach kann man frisch anfangen – manchmal lösen sich Probleme dann wie von allein.“

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler/innen mit auf den Weg geben?
„Einen Geheimtipp habe ich nicht. Aber in der Wissenschaft ist, wie im Rest des Lebens auch, gute Kommunikation sehr wichtig. Für angehende Wissenschaftler:innen kann das z. B. bedeuten, dass es sich lohnt, ein Mentoring-Angebot anzunehmen oder bei der Wahl der Masterarbeit nicht nur auf das Thema zu achten, sondern auch darauf, dass man mit dem/der Betreuer:in gut klarkommt. Es sind viele Dinge auch außerhalb der rein fachlichen Fragen und Probleme, die einen großen Einfluss darauf haben können, wie wohl man sich mit seiner Arbeit fühlt – und den Spaß an der Sache sollten sie auf keinen Fall verlieren.“

 

Den Artikel von René Zangl und Nina Morgner finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 7/21: „Wie kleine Amyloid-β-Peptide zum großen Problem im Gehirn werden können.“