Nachgefragt: Prof. Dr. Tanja Maritzen im Interview

Tanja Maritzen

Prof. Dr. Tanja Maritzen ist Zellbiologin und leitet die Abteilung für Nanophysiologie an der Technischen Universität Kaiserslautern. Um sich zelluläre Strukturen im Nanometer-Bereich anschauen zu können, setzt sie hochauflösende Mikroskopie ein

 

1. Nennen Sie bitte 3-5 Kern-Stichpunkte zu Ihrem Forschungsgebiet. 
„Membrantransport, Endozytose, Neurotransmission, Zelladhäsion, Zellmigration“

2. Was macht für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich aus – weshalb haben Sie sich gerade für diese wissenschaftliche Thematik entschieden?
„Ich fand die logistischen Meisterleistungen, die unsere Zellen vollbringen, immer schon faszinierend. Wie wird es bewerkstelligt, dass all die verschiedenen Membranproteine an den richtigen Ort innerhalb der Zelle transportiert werden? Auf der einen Seite ist der molekulare Mechanismus dahinter sehr spannend, und auf der anderen Seite ist diese Thematik sehr vielfältig. Denn Defekte im Membrantransport können sehr unterschiedliche zelluläre Prozesse beeinflussen, von der Neurotransmission bis hin zur Zellmigration. So wird es nie langweilig.“

3. Was ist für Sie das Highlight Ihrer Forschungsergebnisse der letzten 5 Jahre?
„In den letzten 5 Jahren haben wir uns zusammen mit der Gruppe von Volker Haucke mit dem Transport von Neurotransmitterrezeptoren beschäftigt. Wenn Neuronen miteinander kommunizieren, schüttet die Signal-gebende Nervenzelle Neurotransmitter aus, die durch die Bindung an entsprechende Neurotransmitterrezeptoren in der Membran des nachgeschalteten Neurons ein elektrisches Signal auslösen. Wie stark dieses Signal ausfällt, hängt unter anderem davon ab, wieviele Neurotransmitterrezeptoren welcher Sorte auf der Oberfläche des nachgeschalteten Neurons sitzen. Regulierte Veränderungen in der Signalstärke sind letztlich die Grundlage für unsere Fähigkeit, zu lernen und uns zu erinnern. Wir konnten zeigen, dass ein spezielles Protein namens CALM, das auch mit Alzheimer assoziiert ist, benötigt wird, um einen bestimmten Neurotransmitterrezeptor, den AMPA-Typ Glutamatrezeptor GluA1, von der Oberfläche weg zu transportieren. Wenn wir CALM in Mäusen ausschalten, führt das dazu, dass die Tiere Veränderungen im Lernen zeigen, z.B. wenn es darum geht, sich die Position einer versteckten Plattform in einem Wasserbecken zu merken. Diese faszinierenden Ergebnisse haben wir bereits zur Publikation eingereicht und hoffen, dass sie nun auch bald veröffentlicht werden.“

4. Bitte nennen Sie 2-5 Schlüsselpublikationen zu Ihrem Highlight-Thema.

  • Azarnia Tehran D*, Kochlamazashvili G, Pampaloni NP, Sposini S, Shergill JK, Lehmann M, Pashkova N, Schmidt C, Löwe D, Napieczynska H, Heuser A, Plested AJR, Perrais D, Piper RC, Haucke V* and Maritzen T*. Selective Endocytosis of Ca2+-permeable AMPARs by the Alzheimer’s Disease Risk Factor CALM Bidirectionally Controls Synaptic Plasticity. Eingereicht, in Revision. (*corresponding authors)
  • Henley JM, Wilkinson KA. Synaptic AMPA receptor composition in development, plasticity and disease. Nat Rev Neurosci. 2016; 17:337
  • Azarnia Tehran D, López-Hernández T, Maritzen T. Endocytic Adaptor Proteins in Health and Disease: Lessons from Model Organisms and Human Mutations. Cells. 2019; 8(11), 1345
  • Koo SJ, Kochlamazashvili G, Rost B, Puchkov D, Gimber N, Lehmann M, Tadeus G, Schmoranzer J, Rosenmund C, Haucke* V, Maritzen* T. Vesicular synaptobrevin/VAMP2 levels guarded by AP180 control efficient neurotransmission. Neuron. 2015; 88(2):330-44 (*corresponding authors)

5. Von welchen Ihrer Interessen außerhalb der Naturwissenschaft hat Ihre wissenschaftliche Arbeit profitiert? Gibt es da etwas?
„Einen konkreten Bezug wüsste ich da nicht herzustellen. Aber es hilft auf jeden Fall, weitere Interessen zu haben, um auf andere Gedanken zu kommen, um sich anschließend dann mit neuem Elan und neuen Ideen mit den Problemen auseinanderzusetzen, die im Labor warten.“

6. Wie bekommen Sie den Kopf frei, wenn ein Projekt mal stockt bzw. wann fallen Ihnen die besten Lösungsansätze für eine aktuelle Fragestellung ein?
„Ich liebe es, in der Natur spazieren zu gehen, möglichst weit weg von allem, und dabei Musik zu hören. Dabei kann ich wunderbar abschalten und mich entspannen, und dann kommen auch wieder neue Ideen.“

7. Welchen Geheimtipp würden Sie gerne angehenden Wissenschaftler/innen mit auf den Weg geben?
„Ich finde es immer wieder wichtig, sich vor Augen zu führen, dass auch beim besten Wissenschaftler und bei der besten Wissenschaftlerin viele Experimente nicht klappen. Das gehört dazu, wenn man Neues entdecken will. Das "Geheimnis" erfolgreicher Wissenschaftler ist unter anderem, sich nicht entmutigen zu lassen, optimistisch zu bleiben, Geduld zu haben und immer wieder neue Wege zu suchen und auszuprobieren, bis es am Ende doch funktioniert und die Puzzlestücke zusammen kommen zu einer neuen Erkenntnis.“

 

Den Artikel von Tanja Maritzen finden Sie in der BIOspektrum-Ausgabe 6/21: „Die Endozytose – ein zellulärer Aufnahmeweg mit vielfältigen Funktionen