Singvögel mögen es süß

Ein Weißaugen-Honigfresser (Phylidonyris novaehollandiae) - ein auf Nektar spezialisierter australischer Singvogel - Roy Burgess - https://macaulaylibrary.org/asset/290064381

Ein Weißaugen-Honigfresser (Phylidonyris novaehollandiae) - ein auf Nektar spezialisierter australischer Singvogel  ©Roy Burgess - https://macaulaylibrary.org/asset/290064381

 

 

Bitter, salzig, süß, sauer und umami sind die fünf Geschmacksrichtungen, die wir Menschen wahrnehmen. Der Geschmackssinn hat einen enormen Einfluss auf unsere Ernährung. Dem Rest der Tierwelt geht es nicht anders, denn der Geschmack hilft zuverlässig, Nahrhaftes von Giftigem zu unterscheiden. Aber was schmecken andere Tiere?

Es ist bekannt, dass der Rezeptor für das süße Geschmacksempfinden bei Säugetieren weit verbreitet ist. Vögeln jedoch, die von fleischfressenden Dinosauriern abstammen, fehlt eine essenzielle Untereinheit dieses Rezeptors. Allerdings ist bekannt, dass Kolibris ihren umami-Geschmacksrezeptor so umfunktioniert haben, dass dieser auch Kohlenhydrate erkennt.

Um zu untersuchen, ob auch andere Vögel fähig sind, Zucker zu schmecken, analysierte ein internationales Team um die Evolutionsbiologinnen Maude Baldwin vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen und Yasuka Toda von der Meiji University in Japan die Ernährungsgewohnheiten von Vögeln. Dabei fanden Sie überdurchschnittlich viele Singvogelarten, die gelegentlich Nektar oder Früchte verzehren. Zusätzlich zeigten Verhaltensexperimente, dass sowohl ein nektar- als auch ein körnerfressender Singvogel Zuckerwasser gegenüber normalem Wasser bevorzugt.

Die Forschenden fanden heraus, dass die umami-Rezeptoren des nektarspezialisierten Honigfressers auf Zucker reagierten, ebenso wie die von Singvögeln anderer Ernährungsgruppen. Daraus lässt sich schließen, dass Singvögel tatsächlich Süßes schmecken und, wie die Kolibris, den umami-Rezeptor dafür nutzen.

Zusätzlich zeigte das Team durch Stammbaumanalysen, dass die frühen Vorfahren der Singvögel, noch bevor sie aus Australien auswanderten und sich auf dem ganzen Planeten ausbreiteten, das Zucker-Schmecken entwickelten. Außerdem konnten die Forschenden auch die molekularen Grundlagen dieser Entwicklung aufdecken. Interessanterweise deckten sich dabei die Rezeptorsequenzen nur geringfügig mit denen der weit entfernt verwandten Kolibris, obwohl ähnliche Bereiche im Rezeptor modifiziert wurden. Demzufolge rüsteten beide Vogelgruppen im Laufe der Evolution ihren umami-Geschmacksrezeptor für die Wahrnehmung von Zucker um. Dabei veränderten sich allerdings die Rezeptoren auf unterschiedliche Weise, um ans gleiche Ziel zu kommen.